Und dann...
Die Erde im Kochtopf. Jedes Mal steht diese Reihe der gebrauchten Töpfe aus Metall mit ihren so unterschiedlichen Gesichtern als Begrenzung der Spiel-und Arbeitsfläche im Hintergrund. Die Schauspieler der verschiedenen Orte, zu denen uns unsere Reise führte, haben etwas von der Erde, die in ihrer Erinnerung den persönlichsten Bezug auslöst, mitgebracht. Erstaunt schütten sie sie in die Töpfe. Konkrete Erde, konkrete Töpfe. Die Verbindung ein poetisches Bild, das Geschichten freisetzt. Im Zuschauer, in ihnen. Die eigene Erde anfassen, dort beginnen und keiner europäischen Kunstformel folgen. Erinnerung, Verletzbarkeit, Komik und Zuneigung zu dem kleinen Alltäglichen, scheinbar Unbedeutenden. Ihre Geschichten, verwirrend, ungeahnt in ihrer bestürzenden Vielfalt: Immer wieder Erde, die sie essen, gegessen haben aus Hunger, es gibt Rezepte: Erdkugeln, Fleischbällchen aus Erde, im Ofen zu backen, die weiße Erde vom Strand, Gefühl der Freiheit, rote Erde für Schwangere, schwarze Erde vom Friedhof des Vaters, fruchtbare Erde, die Leben bedeutet. Einer trainierte seine militärische Laufbahn in Minsk als das Unglück in Tschernobyl geschah. Für ihn war es die wichtigste Zeit seines Lebens. Er hat deshalb von dort Erde mitgebracht. Erst später erfuhr er, daß sie verseucht war. Erde der Kindheit, der Identität.

AFRIKA

Weniger als zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg, Gewalt auf der Bühne halten die Menschen nicht aus, das Trauma lebt weiter. Mozambik. Auch sich gegenseitig berühren führt zu Katastrophen. Der Schauspieler, der in seiner Rolle auf der Bühne eine andere Frau umarmt, bricht ein Tabu und läuft in Gefahr, von seiner eigenen Frau verlassen zu werden.

Und doch, die Menschen fangen an, sich zu öffnen. Sie finden Worte, um über Ihre Geschichte und das Trauma zu reden.

Rogério Mboane, Maputo, Mocambique:

knapp über zwanzig, Schauspieler, hervorragender Spieler der Atabaque, der großen Trommel und Solotänzer der Gruppe "Milorho", die sich mit den traditionellen Tänzen der verschiedenen Regionen Mozambiks auseinandersetzt und ihnen den eigenen tänzerischen Ausdruck gibt, z.B. der Tanz, in dem sich die Mozambikaner im Angesicht der Kolonialherren, der Portugiesen, Kriegsinformationen zuspielten, während die blöde-begeistert die Tänzer bejubeln.

Seine Vorstellungskraft hat das "campo" und den "avo" nicht verloren. Als Kinder waren sie gewohnt, für jedes Thema in kürzester Zeit einen musikalischen Ausdruck zu finden, er komponiert in fünf Minuten Lieder, in denen Sturm, Feuer oder Wasser zu Wirklichkeit werden. Wasser oder Wind, die nur in dem Ausbruch aus dem Normalen für ihn erinnerbar sind, der Sturm, die einstürzenden Wellblechdächer der Hütten, Lebensgefahr, das steigende Wasser im Plumpsklo, dessen Spritzer nur die Jungen durch schnelles Hochspringen bei ihrer Verrichtung entgehen.

Das Huhn, das er darstellt, ist so glaubwürdig wie der Großvater, der "avo", die Instanz der Würde, der Weisheit und der Geschichte. Danach nur noch der "Curandeiro" als Mittler zu den Geistern der Vorfahren.

Er erzählt mit seinem Körper Geschichten über Natur, Begegnung mit Tieren, Schlangen z.B., über Initiation, über Achtung und Respekt zwischen Menschen, über Verlust und Tod. Selbst in den wildesten körperlichen Äußerungen sind Komposition, musikalische Kontrolle, Imagination, Kraft und Zärtlichkeit.

Eine Mischung aus Staunen, Identität, Vorstellungskraft und Erinnerung an die eigenen Wurzeln, verbunden mit einer künstlerischen Begabung auf den verschiedensten theatralischen Gebieten. Mehr als Theater. Er verbindet in sich Vergangenheit und die Verdichtung, den Ausdruck der Träume von morgen.

Amor de Fátima, Luanda, Angola:

Beschwörung der Fátima. Später traf ich im Flugzeug von Portugal nach Brasilien und auch auf dem Weg zurück diese Pilger: Peregrinacao de Fátima. Doch hier ist Angola. Sprache und Begriffe scheinen sehr portugiesisch zu sein. Das eigene Afrika ist der Krieg, sind die Bomben, die unzähligen Flüchtlinge. Ist die Unausweichbarkeit des Mülls, im Regen blüht vor allem die Cholera.

Der Halt wird in der Fixierung auf den Kolonialherren gesucht, weil die alltägliche Wirklichkeit zerstörerisch ist. Doch wie dann, wenn sie singt, tanzt, zu spielen beginnt, eine andere Wahrheit durchdringt, sich der Schutzkörper öffnet, - und in Amor de Fátima entdeckt sich Angola. Hinter dem Müll und dem Matsch der Lehmwege steht die Kraft der Vegetation, einer unfaßbar schönen Landschaft, in der wie ein Fremdkörper das renovierte Haus steht, von dem aus, natürlich entfernt von der Stadt, die mit den Sklaven beladenen Schiffe in die Neue Welt aufbrachen. Ein mit Bodenschätzen gesegnetes Land zerstört sich selbst und beschwört mit den Namen das Glück seiner Menschen, Amor de Fátima, Studentin angolanischer Literatur und Professora für Flüchtlingskinder, die ihre Eltern verloren, Schauspielerin.

Und dann...
Was macht es für einen Sinn, sich auf sein Wissen, seine Theatererfahrung zu stützen, auf die früheren Arbeiten in Afrika, z. B. zur Unabhängigkeit in Namibia oder die Arbeiten in Kuba und Chile, die Inszenierungen in Portugal, die Erinnerung an Koltés und "Quai Ouest", die reklamierte Neugier - die Wirklichkeit schreibt den Körper um, verdreht ihn. Klar das Bewußtsein der Anmaßung, sich auf so viele verschiedene Kulturen zu stürzen, zu glauben, über die Erlebnisse der Menschen, über den Blick aus ihren Augen zu authentischeren Bildern zu kommen, es ist Koketterie oder einfach nicht wichtig. Das Drehbuch schreibt sich über die Absicht hinaus von selbst.

José Evora, Mindelo, Sao Vicente, Kapverdische Inseln

"Mit diesem Plastikeimer gingen wir zum Brunnen, der wieder kein Wasser hatte. Und da war Hunger." Auch wenn die anderen lachen. Still, ernst, freundlich wird das Erlebte in kreolischer Sprache gegen die anderen Schauspieler behauptet:" Wenn ich den Hunger vergesse, kann ich nicht mehr Schauspieler sein". (Jo Evora)

Das Klima wie der Traum von Touristen. Immer angenehm. Immer Wind. Nie zu heiß. Die Distanz nach Europa, Afrika und Brasilien, das Meer macht das Gefängnis oder die Brücke. Hier trafen sich die portugiesischen Kolonisatoren mit den Sklavenschiffen aus Afrika, die Pause vor der großen Reise über den Atlantik. Die, die blieben, man stellt sich das vor ohne Strom, Fernsehen und Kino, hatten viel Zeit, sich zu vermischen.

"Mas ou menos". So geht es. Immer "mas ou menos". Der skeptische Blick nach innen. Das Wissen um Warten.

Morna, der Fado, den man tanzen kann. Ist es Freude? Das Überwinden portugiesischer Tragik? "Mas ou menos". Rote Erde und das Eisen der in der Bai verrostenden Schiffswracks.

Der Sänger Jo Evora. Der Musiker. Jazz in Mindelo. Der Künstler und sein Handwerk der Webkunst. Die Überwindung der Natur durch die eigene Schaffenskraft. Groß, schlank. Der Kopf fast immer bedeckt. Ein Pol in Mindelo. Tief in seiner Landschaft. Die Distanz denkend, rund herum ist das Meer, der Kontakt ist in der Mitte der Insel. Eine Figur wie von Giacometti geformt. Wartend. Wie die Mulden im Sand, in die die Menschen jedes Jahr neu den Samen hineingeben mit der Hoffnung auf Regen. Wie die Wolken, die sich auftürmen und dann wieder davonjagen, ohne sich zu entladen.

Und dann...
Wie geht das zusammen mit Mozambik und Angola? Die portugiesische Sprache, immer hat sie einen anderen Grund im alltäglichen Leben, behauptet Identität und doch haben Mozambik und Angola unzählige andere Sprachen der verschiedenen Völker, ohne gemeinsame Wurzeln, aber da lebt die wirkliche Emotion. Portugiesisch ist die Sprache der Macht und der notwendigen Kommunikation, um die Sprachbarrieren der anderen Sprachen zu brechen. Auf den Kapverdischen Inseln ist es die Kreolische Sprache, eine Sprache für alle und doch auf allen zehn Inseln verschieden. Mutationen in der Isolation.

BRASILIEN

In Brasilien haben wir die Systematik der workshops entwickelt. In Salvador begann unsere Reise. Im Rücken den Gedanken der Anthropophagie. Verblüfft von dem Land, das die Kraft hat, die Ideen der Welt mit der eigenen tropischen Existenz zu verbinden. Dort, wo die portugiesische Sprache sich befreit hat von Europa, zum Ausdruck der eigenen Identität reifte. Voll von der Geschichte Europas und Afrikas, aber auch voll von vielen anderen Völkern der Welt. Und doch eigen in seiner Vielfalt.

QUEM COME QUEM - WER FRISST WEN ist die Entscheidung für den Titel der Aufführung, die am Ende der Reise die verschiedenen Länder des lusofonen Raumes miteinander verbinden wird. Der Bischof "Sardinha" wurde vor Jahrhunderten von den Eingeborenen gefressen, so werden die Gedanken der Welt gierig eingesaugt und verdaut. Armes Europa, scheint mir, das sich immer noch in seiner Überlegenheit wähnt.

Arlete Santos Dias und Melquisalem Sacramento, Salvador da Bahia

Zwei Schauspieler aus Salvador werden in der nächsten Phase mit uns arbeiten, zusammen mit den oben genannten afrikanischen Freunden. Sie sind Salvador. Sie sind Candomblé, Capoeira und Samba.
Ein Leben, das tanzt. Das die Götter der ehemaligen Herren integriert hat in ihr afrikanisches Erbe. Das Profane und Heilige ist nicht mehr zu trennen. Die Geschichte der Kolonisierung? Die Überlieferung der Sklaven? Das Lebensgefühl, die Lust und Vitalität in dem Heute ist stärker. Rassismus, offiziell schon längst überwunden, findet sich als verletzbarer Punkt im Sozialen. Und überall die "meninos da rua", Straßenkinder. Keine Kinder, die aus einer bürgerlichen Welt ausgebrochen sind, um sich eine Gegenwelt der Zuneigung zwischen Drogen aufzubauen. Kinder, die nie eine Chance hatten, auf der Straße leben, betteln und auf andere Weise um ihr Überleben kämpfen. Alltägliche Gewalt.

Das Teatro VilaVelha ist Partner für unser Projekt. Ein Theater, das sich der Tradition, der Vitalität des Lebens und der Feste des schwarzen Salvador verschrieben hat. Manifestation der Lebenslust. Die beiden Schauspieler sind Mitglieder der Gruppe "O Bando", die diesem Theater angegliedert ist. Eine Gruppe schwarzer Schauspieler. Afrika in Salvador. Arlete und Leno sind auch "Capoeiristas", Leno ein Meister. Ein Kampftanz, der die Identität prägt wie die Verbindung der afrikanischen Gottheiten des Candomblé mit den christlichen Heiligen. Die Versprechungen, die Arlete ihren Gottheiten macht, sind Feste, Essensfeste, Speisungen, zu denen sie Freunde und Kinder und die, die nichts haben, um sich versammelt. Junge Geliebte und Mutter einer Religion, die keine Schuld kennt. Schauspielerin. Schauspieler.

Simone Iliescu, Sao Paulo

Sao Paulo ist anders. Diese Stadt der Nationalitäten. 24 Millionen. Menschen. Die Gruppe in Sao Paulo, die für dieses Projekt am Centro Cultural de Vergueiro/Sao Paulo geformt wurde, hat aus dem workshop heraus sich als eigenständige professionelle Theatergruppe geformt: "Luzes na Cidade" - Lichter in der Stadt. Weil ihnen die Zwischenzeit zur zweiten Phase zu lang wurde, haben wir im August 99 gemeinsam eine Aufführung erfunden. Über Sao Paulo. Über Beton und Isolation. Über Sehnsucht. Menschen, die sich begegnen. Einen Moment lang versuchen, die Grenzen der Einsamkeit aufzubrechen, ins Licht treten und wieder verschwinden. So wie die Bilder von Cristiano Mascaro: Luzes da Cidade. Sao Paulo. Wie es Caetano Veloso nach Überwindung der Fremdheit lieben lernte, die "dura poesia concreta de tuas esquinas" ..."die harte, konkrete Poesie seiner Ecken".

Gina aus Porto Alegre. Jetzt in Sao Paulo. Wie viele andere von diesem Moloch angezogen, der das kulturelle Zentrum des Landes gegen Benzinduft und Wirtschaft behauptet. Die Aufführung: "A flor e o concreteo" - "die Blume und der Beton", ein Titel für Sao Paulo. Gina für die Leben aus Ritualen besteht. Aus Leidenschaft heraus spielen. Sich in dieser Welt finden. Nicht nur überleben.

Und dann...
Ich spare mir Europa. Es hat sich schon bekannt gemacht, denkt es. Unsere Aufführung wird entscheiden
QUEM COME QUEM. Begegnungen, die verwirren, über Theater hinaus. Sicherheiten, die schwinden. Sprünge über sich selbst. In der Mitte der Reise. Bevor die zweite Phase der Arbeit beginnt. Mit dem Ensemble der Schauspieler, das sich aus allen beteiligten Ländern zusammensetzt, beginnen wir Ende April. Wir haben nicht gesprochen von Bia Gomes aus Guiné-Bissau und Ayres Veríssimo de Sacramento aus S. Tomé e Príncipe,
weil wir mit Ihnen noch Erfahrungen brauchen. Wir haben nicht gesprochen von den Schauspielern aus Portugal, weil uns die unbekanntere Welt im Moment wichtiger schien. Geschichten über unsere Kulturen zu spielen und zu spiegeln, den Unterschied und das vielleicht Verbindende suchen. Jeder der Schauspieler bringt sein Material, das den thematischen Zielsetzungen folgt, die sich aus der ersten Phase ergaben. Unser Ziel, unsere Entdeckung: QUEM COME QUEM.