Erinnerung an Arbeit

Auflösung und Metamorphose ehemaliger Industrieanlagen der Schwerindustrie
Europa Oculta I

Das Projekt lässt sich in drei Themenkreise fassen:

- welche Möglichkeiten der Sinnstiftung bietet man Menschen an, nachdem die Ideologie der    Arbeit als zentrale Sinnfrage ausfällt?

- Warum werden an ehemaligen Orten der Schwerindustrie die größten Shopping Malls gebaut, obwohl dort viele Menschen ohne Arbeit und Einkommen sind?

- Welche Chancen und Fragen verbinden sich mit der so genannten „kulturellen Nachnutzung“ der ehemaligen Orte der Schwerindustrie?

Emotionaler Ausgangspunkt für die Zuschauer ist das vorherrschende Gefühl der Angst und Ohnmacht, wenn sie sich mit der Abstraktion der Finanzkrisen, der Bedrohung des Euro und der EU konfrontiert sehen, ohne einschätzen zu können, wie ihre eigene Existenz dadurch beeinflusst oder bedroht wird.

Das Verhältnis von Arbeit zu Kapital, von Arbeitnehmer zu Arbeitgeber spiegelt diese immer größer gewordene Abstraktion. Stahlbetriebe, die früher bis zu 5000 Arbeiter beschäftigt haben (z.B. Stahlwerk Katowice) werden heute von einer kleinen Belegschaft geführt, riesige Hallen von 8 Leuten und vor allem von Computern gesteuert, obwohl sich die Produktion erheblich gesteigert hat. Die Globalisierung zeigt sich da, wo der momentane Besitzer des größten Stahlwerks Polens der Inder Lakshmi Mittal ist. (Mittal Steel Ruhrort/Mittal Steel Hochfeld)

Die Unfassbarkeit der Abstraktion bekommt einen realen Boden vor dem Hintergrund der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte der letzten 200 Jahre. Entscheidende Teile dieser Industriegeschichte finden sich in dem preisgekrönten Roman von Erik Reger „Union der festen Hand“ wieder, der im Jahr 2003 Ausgangspunkt für eine theatralische Konfrontation mit ehemaligen Orten der Schwerindustrie zwischen Kohle und Stahl war, zwei davon ausgezeichnet als Weltkulturerbe.

Der Roman besteht zu einem großen Teil aus Originalzitaten der entscheidenden Wirtschaftsführer, die die Umbrüche der industriellen Entwicklung zwischen industrieller Revolution und Globalisierung markieren.

Auch wenn es Originalzitate deutscher Industrieller sind stehen sie doch exemplarisch für die Entwicklung in anderen Industrieländern. Über Friedrich Krupp, Hugo Stinnes und Friedrich Flick lässt sich die Entwicklung in die Gegenwart weiterziehen bis zu Reaktionen auf die Verselbständigung der Finanzwelt, sich anbahnende weltweite Gegenreaktionen wie die „Occupy“ Bewegung.

Das bearbeitete Filmmaterial der Theatralisierung der Industriestandorte wird nicht als Dokumentation der früheren Veranstaltungen eingesetzt, es wird zur sprechenden Geschichte. Viele Passagen bieten sich als hervorragende Visualisierung der Industriegeschichte in der Verbindung zwischen Originaltexten und Originalschauplätzen der Industriegeschichte an. Es wird möglich, den Weg von der Industrialisierung und der damit verbundenen Idealisierung von Arbeit als ‚zentraler Sinnstiftung für den Menschen’ zu verfolgen bis zur immer größer werdenden Abstraktion im Rahmen der Globalisierung und den Verlust der Arbeit, - immer im sinnlichen Kontakt mit den ehemaligen Orten der Arbeit, ihrer Stillegung und möglichen kulturellen Nachnutzung.

Die INSTALLATION umfasst einen großen Zeitraum, aber fokussiert ihre Fragen auf die Befindlichkeit des einzelnen Menschen und seine gegenwärtige Position im kulturellen Gefüge der Gesellschaft. Sie fragt danach, was wird den Menschen heute angeboten als Sinnstiftung ihrer Existenz, nachdem die Orte der Massenarbeit stillgelegt sind und welchen Einfluss hat das auf den kulturellen Konsens der Gesellschaft.

Zeit und Ort der Installation

Die dramatisierte Installation findet in der Halle 44, der Fördermaschinenhalle von Schacht 1/2/8 auf dem Gelände von Weltkulturerbe Zollverein statt.
Laufzeit bis zum 30. Juni 2012. Die Installation endet mit SCHICHTWECHSEL, der "langen Nacht der Industriekultur" auf Zollverein am 30. Juni

Eröffnung
am 16. Mai 2012 18:00 - Konzert BANDO

Programm

Vor der Halle: Klopsztanga / Der brennende Teppich
Bastiaan Maris Skulptur

Erdgeschoss: man muss in die Erde, um auf die Erde zu kommen
Das Erdgeschoss besteht aus zahlreichen, sehr unterschiedlichen Räumen und Zwischenräumen: Sie werden bestimmt durch "Hindernisse und Entdeckungen", ein Labyrinth: eine Entdeckungsreise, die die Welt der darüber liegenden Hallen trägt:
Der Boden des gesamten Erdgeschosses ist mit Basaltsplitter/ Abraum ausgelegt.

Eingang: Die Besucher betreten die Installationslandschaft durch das Tor zum

Raum 4: Fahrt in den Berg
Architektur und Förderkorb: Bastiaan Maris
Filmische Installation: Slawomir Rumiak

Raum 2-3: Im Bergwerk - Männerarbeit - von den Stollen zur Waschkaue
Film Wilhelm Sasnal

Raum Treppe 1: Frauenarbeit bei der Kohlesortierung
Foto Thomas Voßbeck, Anke Illing, Ton und Interview: Richard Ortmann

Raum 5: Riviera auf der Kohlenhalde
Fotos Arkadiusz Gola

Raum 6: die häusliche Aneignung von Arbeitsräumen im Kohlebergbau – Natur als Dekoration
Thomas Voßbeck, Anke Illing, Richard Ortmann (Ton)

Raum 7.1: Der zweiköpfige Drache
Jadwiga Kocur Dokumentarfilm zur polnisch-deutschen Geschichte in Oberschlesien

Raum 8: Bytom Karb - Erinnerung an Bergarbeiterwohnungen
Piotr Wójcik: Fotokollage und Film

Raum 9: Naive Malerei in der Welt der Kohle
Erwin Sówka, Waldemar Pietzko, Jan Nowak, Krzysztof Webs, Josef Geisler, Pawel Wrobel, Teofil Ociepka

Raum 9.1: Religion
Maria Wnek Madonnenbildnis
Raum 10:Erinnerung an morgen
Wojciech Kucharczyk Installation mit Musik

Eingangshalle und Treppen nach oben: deutsch – polnisches Wörterbuch
Andrzej Tobis Photos

Halle A fliegt - Halle B erdet
Halle A wird durch sich bewegende Bilder/ Videos bestimmt, Halle B durch Ausstellungen von Photos und Objekten

FÖRDERSEILHALLE A - Es muss nach oben, um nach unten zu kommen

I) Heiliger Ort der Arbeit. Macht Euch die Erde untertan. Zwischen Zeppelin und Occupy Zelt“, zwischen gakacheltem Boden, Maschinen der Arbeit und den romanischen Fenstern einer Kirche der Arbeit

II) die Natur nimmt sich die Landschaft zurück
Film - Kollage Slawomir Rumiak

III) Der Weg zur Abstraktion, eine Geschichte von Arbeit und Kapital zwischen industrieller Revolution und Globalisierung, filmisch komprimiert nach einer szenischen Theatralisierung an vier zentralen Orten der Schwerindustrie nach dem Roman:„Union der festen Hand“ von Erik Reger - Konzeption, Theater, Film Stephan Stroux

IV) Der Ort der Arbeit wird zur Shopping Mall. Die Maschinen werden zu Dekorationsteilen in einem Disneyland der Konsumgesellschaft – Film Kollage Slawomir Rumiak

TURBINENHALLE B - Vom Himmel zur Erde

Natürlicher Rasen, aus dem die Maschinen herausragen –Wachstum förderndes ultraviolettes Licht, Frische der Natur, Feuchtigkeit des Rasens und Wind von Propellern bestimmen postindustrielles Klima und kulturelle Alternativen
Sibylle Bergemann, Barbara Siewer - Fotos an Wäscheleinen: inszenierte Industrie
Marek Schovánek Skulpturen - Trophäenwand aus Einkaufswagen
Stephan Stroux Film mit Campingecke „Erinnerung an Arbeit“

Projektleitung/künstlerische Leitung
Stephan Stroux

Konzeptionelle Mitarbeit
Bastiaan Maris, Markus Hollmann-Loges

Audiovisuelle Umsetzung
Blitzen

Kooperation
Stephan Stroux mit Stiftung ZOLLVEREIN/ Essen und
ARS CAMERALIS SILESIA SUPERIOR
Koordinator für die Beteiligung der Künstler aus Oberschlesien

Partner:
Stadt Katowice
Wojewodschaft Oberschlesien
Adam Mickiewicz Institut
Klopsztanga – Polen grenzenlos NRW
Silesian Museum
Galeria Kronika Bytom

Partner Deutschland:
Kunststiftung NRW
Ruhrmuseum
Stiftung Zollverein
Bundeszentrale für politische Bildung






Fotos und weiteres Material:




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