UNION DER FESTEN HAND
Ein Industrie-Theaterprojekt von Stephan Stroux
nach dem Roman von Erik Reger

Union der Festen Hand
Spielorte
Begleitprogramm
Kurzbiografien
Pressestimmen
Fotos


In Koproduktion mit den Spielorten
Reichsbahnausbesserungswerk RAW - Berlin
Weltkulturerbe Rammelsberg - Niedersachsen
Bergwerk Göttelborn - Saarland
Weltkulturerbe Zollverein - NRW
Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa - Brandenburg

Unter Beteiligung und Förderung durch
Hauptstadtkulturfonds Berlin
Braunschweigischer Vereinigter Kloster- und Studienfonds
Weltkulturerbe Rammelsberg - Goslar
Stiftung Klosterkammer
Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen
Industrie Kultur Saar GmbH
Stiftung Zollverein
Stiftung Kunst und Kultur NRW
Ruhrkohle AG
Stadt Essen
Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur NRW
Entwicklungsgesellschaft Zollverein
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg
Landkreis Elbe-Elster
Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa
Neue Bühne Senftenberg
IBA Fürst Pückler Land
Und der besonderen Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung
Medienpartner Berlin: Der Tagesspiegel, Zitty, SFB Inforadio
Medienpartner überregional: ZDF/3sat/Theaterkanal
Bühnenrechte: Verlag Felix Bloch Erben

Eine Produktion der GbR UNION DER FESTEN HAND und der mediapool GmbH, Berlin


UNION DER FESTEN HAND

Ein Industrie-Theaterprojekt von Stephan Stroux nach dem Roman von Erik Reger
UNION DER FESTEN HAND ist eine großflächige Industrielandschafts-Inszenierung mit einem internationalen Ensemble aus Schauspielern, Industriemusikern, Licht- und Feuerkünstlern, die von Mai bis August 2003 in ehemaligen Anlagen der Schwerindustrie gezeigt wird, in denen der Traum von Aufschwung und Vollbeschäftigung noch nachhallt: im Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar, im Bergwerk Göttelborn, im Weltkulturerbe Zollverein in Essen und im ältesten Braunkohlekraftwerk Europas, dem Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa. Die Berliner Premiere findet auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk RAW statt. Die Hallen werden dabei zum Originalschauplatz des Stückes: Mit der Eisenbahn, dem zentralen Motor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, spannt die Inszenierung den Bogen von der schwerindustriellen Fertigung von Eisen und Stahl zu ihrem (neben der Rüstungsindustrie!) wichtigsten Endprodukt: Schienen, Räder, Achsen.
Das Theaterstück UNION DER FESTEN HAND basiert auf dem gleichnamigen Roman von Erik Reger alias Hermann Dannenberger (1893-1954), der in den 1920er Jahren in der Presseabteilung des Krupp-Konzerns arbeitet. Über die enge - und bis heute höchst wirksame! - Verquickung von wirtschaftlichen und politischen Interessen, die er an seinem Arbeitsplatz erlebt, schreibt Reger Ende der 20er Jahre einen Schlüssel- und Enthüllungsroman. Der Roman beschreibt eine historische Umbruchzeit in Deutschland. Eine Zeit, in der sich die schwelenden Konflikte zwischen Industriemagnaten, Arbeiterschaft und Politik verdichteten und in der die zentralen politischen Weichen von der Industrialisierung im 19. zur Globalisierung im 21. Jahrhundert gestellt wurden. 1931 erhält der Autor, der nach 1945 als Gründer und Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel" zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands gehört, für sein 500 Seiten umfassendes Werk den Kleist-Preis.
Bezeichnenderweise stehen in UNION DER FESTEN HAND nicht die Politiker der Weimarer Republik, sondern die Arbeiter und Industriebosse im Zentrum der Handlung. Die Szenen auf dem Werksgelände führen vor, wie die Arbeiterschaft systematisch aus der Mitbestimmung herausdrängt wird. Zuletzt kommen den Großindustriellen dabei auch die Nationalsozialisten zu Hilfe, die das ideologische Vakuum füllen, das die gescheiterten revolutionären Utopien hinterlassen haben. Weil UNION DER FESTEN HAND am Beispiel des Kruppkonzerns schonungslos aufzeigt, wie die Großindustriellen in den letzten Jahren der Weimarer Republik bereitwillig 'Steigbügelhalter' Hitlers spielen, lassen die Nazis Regers Roman 1933 verbieten.


UNION DER FESTEN HAND an den Stätten des Weltkulturerbes der UNESCO
Ingesamt 730 Orte weltweit, davon 27 in Deutschland, sind von der UNESCO in den letzten Jahrzehnten mit dem Titel "Welterbe der Menschheit" ausgezeichnet worden. In die Liste aufgenommen wurden Natur- und Kulturstätten, Denkmäler und Bauwerke, die einen "außergewöhnlichen universellen Wert" besitzen. Die Orte, die als besonders schützens- und erhaltenswert gelten, müssen zwei Kriterien erfüllen: Sie müssen weltweit "einzigartig" und weitgehend "authentisch" erhalten sein.
Drei der fünf Spielorte des Theaterprojektes UNION DER FESTEN HAND tragen den von der UNESCO vergebenen Titel "Weltkulturerbe der Menschheit". Das Bergwerk Rammelsberg erhielt die Auszeichnung schon 1992; es folgte 1994 die Völklinger Eisenhütte und 2001 der Industriekomplex Zeche Zollverein.
Das 1988 geschlossene Bergwerk Rammelsberg gilt als einziges Bergwerk der Welt, an dem tausend Jahre europäische Bergbaugeschichte architektonisch ablesbar sind. Die Anlage, die ein Jahrtausend lang in Betrieb war, besteht aus einer Vielzahl historischer Baudenkmäler: Neben Abraumhalden aus dem 10. Jahrhundert finden sich noch Gebäude aus dem 15. und Wasserräder aus dem 20. Jahrhundert. Auch die Völklinger Eisenhütte und die Industrieanlage Zeche Zollverein zeichnen sich durch ihre architektonische Einzigartigkeit aus. Zudem stehen sie symbolisch für eine ganze Epoche des industriellen Fortschrittes und für Hunderttausende von Arbeitern, die an den Förderbändern und Hochöfen in Essen und Völklingen im Laufe des 20. Jahrhunderts entscheidend am wachsenden Reichtum einer modernen Industrienation mitwirkten.
Mit der Aufnahme der drei Industriedenkmäler in die Liste des Weltkulturerbes hat die UNESCO signalisiert, welche zentrale Rolle den Orten bei der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Deutschlands zukam. Dass das Theaterprojekt UNION DER FESTEN HAND die Stätten nun als 'Bühnen' entdeckt, soll die Orte anders als historisch-museal erfahrbar machen. Das industrielle Erbe wird, indem es in vielfältiger Weise bespielt und inszeniert wird, nicht nur als eindrucksvolle historische Hintergrundkulisse verstanden, sondern direkt in den künstlerischen Prozess einbezogen. Die jeweilige szenische Umsetzung des dramatisierten Reger-Romans UNION DER FESTEN HAND orientiert sich ausdrücklich an den Industriedenkmälern. Die Inszenierung wird die Spuren und Ereignisse, deren stumme Zeugen die Gebäude in Essen, Völklingen und am Rammelsberg sind, aufgreifen und sie in einen Theaterabend voller Text, Musik und Lichtspektakel einbinden. Das "Weltkulturerbe" bleibt so nicht nur ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, sondern wird wieder zu einem lebendigen Bestandteil gegenwärtiger Kunst und Kultur.

Roman und Stück
Erik Reger / Hermann Dannenberger
Am 8. September 1893 wird Hermann Dannenberger als Sohn des Grubenaufsehers Johann Daniel Dannenberger, der auf der zur Firma Krupp AG Essen gehörenden Erzgrube Werner beschäftigt war, in Bendorf am Rhein geboren. 1912 beginnt er ein Studium der Germanistik, Anglistik und Romanistik in Bonn; später studiert er in München und Heidelberg.
1915 wird Dannenberger vom Studium zwangsbeurlaubt und kommt als Soldat an der Westfront zum Einsatz. 1917 gerät er in englische Gefangenschaft. 1919 kehrt er, aus der Gefangenschaft entlassen, nach Bendorf zurück. 1920 wechselt er zu Krupp nach Essen und arbeitet dort im firmeneigenen Pressebüro. Sieben Jahre lang bleibt er Angestellter der Pressestelle.
Daneben beginnt Hermann Dannenberger seit 1924 regelmäßig für Zeitungen zu schreiben. Als Journalist publiziert er unter dem Pseudonym Erik Reger. 1927 wechselt Reger alias Dannenberger zur Literatur- und Theaterzeitschrift "Der Scheinwerfer". Neben seinen feuilletonistischen Artikeln und Theaterrezensionen, mit denen er sich nicht nur Freunde in der Theaterszene macht (das Schauspielhaus Bochum erteilt ihm 1928 nach einer vernichtenden Kritik Hausverbot und lässt ihn von der Polizei aus dem Zuschauersaal entfernen!), äußert er sich zunehmend auch zu sozialpolitischen Themen. So erscheinen nach 1927 in der "Weltbühne" und im "Dortmunder General Anzeiger" enthüllende Artikel über die Machenschaften der Industrie.
Den Blick hinter die Kulissen wirtschaftlicher und staatlicher Machtgefüge verarbeitet Dannenberger Ende der 20er Jahre zu dem Roman UNION DER FESTEN HAND. Darin gelingt dem Ex-Pressereferent die Schilderung seines ehemaligen Arbeitsplatzes als gezielte Stelle der Desinformation, der Verschleierung und Manipulation der öffentlichen Meinung.
UNION DER FESTEN HAND wird 1933 von den Nazis verboten. 1934 geht Dannenberger ins Schweizer Exil, kehrt jedoch 1936 nach Deutschland zurück, wo er beim Deutschen Verlag (ehemals: Ullstein) als Lektor arbeitet. Daneben publiziert er weitere Romane und Essays.
Nach dem Krieg erhält er zusammen mit Walter Karsch und Edwin Redslob von der britischen Zensurbehörde in Berlin die Genehmigung zur Herausgabe einer Tageszeitung. Dannenberger, Karsch und Redslob gründen den "Tagesspiegel", dem Dannenberger lange Jahre als Mitherausgeber und Chefredakteur vorsteht. Am 10. Mai 1954 stirbt Dannenberger an einem Herzschlag.

Der Roman
Der Roman UNION DER FESTEN HAND gehört zu den zeitgeschichtlich aufschlussreichsten Dokumenten der neuen Sachlichkeit. Kennzeichnend für die Kunst- und Literaturbewegung ist der entschiedene Verzicht auf eine romantisierende Alltagsdarstellung. Vielmehr soll anhand exemplarischer Figuren der Zusammenhang zwischen Arbeit und Bewusstsein, zwischen politischen, ökonomischen, sozialen und psychologischen Vorgängen nüchtern aufgezeigt werden. Am Beispiel der Stahlwerke Risch-Zander, die unschwer als Krupp-Betriebe zu entschlüsseln sind, entwirft Reger das Panorama einer von wirtschaftlichen und politischen Krisen geschüttelten Epoche. In fünf Abschnitten, die das Kaiserreich und die Novemberrevolution, die Weimarer Republik und den Ruhrkampf sowie die Öffentlichkeitsarbeit des Langnam-Vereins behandeln, wird die Vorgeschichte der Nazi-Herrschaft aufgerollt. Im Mittelpunkt der Kritik steht einerseits die Zusammenarbeit von Schwerindustrie und NSDAP, andererseits aber auch das Versagen der Arbeiterschaft und ihrer Interessenvertreter.
Der Roman zielt nicht auf die psychische Verlebendigung von Figuren und zwischenmenschlichen Konflikten, sondern auf Typisierung. Das Proletariat, die Angestellten und die Industriellen sind die eigentlichen Helden des Romans - die Protagonisten gehen in ihrer Funktion als soziale Rollenträger auf. Eine zentrale Position im Erzählgefüge, dass ca. 400 Figuren auftreten lässt, hat Adam Griguszies, der sich vom Kranführer, Revolutionär und Arbeiter- und Soldatenratsvorsitzender über den Betriebsrat wieder zum Kranführer entwickelt und schließlich als Arbeitsloser endet. Griguszies beginnt als glühender Revolutionär und gerät trotz allem in die Mühlen des Kleinbürgertums. Widerwillig folgt er der Aufsteigermentalität seiner Frau Alma, weil er den Konflikt zwischen privater Sehnsucht und politischem Anspruch nicht lösen kann. Mit der Eindeutschung seines "Pollackennamens" ist die Assimilation ans Bürgertum perfekt.
Die Schilderungen des proletarischen Alltags in UNION DER FESTEN HAND entlarvt die ganze Skala der offenen und subtilen Unterdrückungsmechanismen und die absolutistischen Herrschaftsformen der Schwerindustrie. Wirksamer Bestandteil dieses Ordnungssystems sind die Wohlfahrtsinstitutionen, die Krupp-Historiographen gern als vorwärts weisendes "Sozialwerk" verherrlichen und die Reger als karitativ maskierten Zwang entlarvt.
Neben der Schilderung des Arbeitermilieus werden auf der anderen Seite auch die Industriellen und Wirtschaftsführer samt ihrem Beamten- und Angestelltengefolge porträtiert. Bei der "Union der festen Hand", von der unter den Industriellen des Romans häufig die Rede ist, handelt es sich um eine Fiktionalisierung des Langnam-Vereins der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und ihres weitverzweigten publizistischen Propaganda-Apparates. Regers Roman zeigt, wie in den späten 20er Jahren die Rückkehr zum Wirtschaftsimperialismus vollzogen wird: Dabei nutzen die firmeneigenen Pressebüros ihr Netz von Kanälen, um ein publizistisches Trommelfeuer "gegen die Steuer, gegen die soziale Belastung" zu lancieren: In sämtlichen Organen der öffentlichen Meinung erscheinen manipulierte "Tatsachenberichte" und retuschierte Lohnstatistiken, die die berechtigten Forderungen der Gewerkschaften auszuhebeln verstehen.
So pendelt der Erzählstrang zwischen den oberen und unteren Rändern der sozialen Schichten, bildet der Roman ein vielstimmiges Geflecht an Einzelepisoden. Als Garant für die zeitgeschichtliche Authentizität hat Reger zudem zahlreiche nicht-literarische Texte in sein Werk integriert: Reden, Äußerungen, Kommuniqués, Interviews, Artikeln, Prospekten, Rundschreiben, Statistiken.
UNION DER FESTEN HAND erschien zuerst 1931 im Rowohlt Verlag. 1931 bekam Dannenberger für den Roman zu gleichen Teilen mit Ödön von Horváth den Kleist-Preis (Laudatio: Carl Zuckmayer). 1933 wurde UNION DER FESTEN HAND von den Nationalsozialisten verboten, 1946 brachte der Aufbau Verlag eine Neuauflage heraus. Es folgte 1976 eine Auflage im Scriptor Verlag und im Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1979 und 1990 im Argon Verlag. 1988 wurde der Roman in der Reihe "Bibliothek der Klassiker" beim Rowohlt Verlag wiederaufgelegt - herausgegeben von Michael Naumann. In den siebziger Jahren wurde UNION DER FESTEN HAND mit Hannes Messemer in der Hauptrolle vom ZDF verfilmt. Bereits 1968 war unter der Intendanz von Egon Monk eine Dramatisierung am Schauspielhaus Hamburg geplant (Bearbeitung: Claus Hubalek). Weil die Intendanz nach drei Monaten abgebrochen wurde, kam es aber nicht zur Aufführung.

Das Stück
Dass Regers Roman eine historisch bedeutende Schnittstelle zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert, zwischen industrieller Revolution und Globalisierung beschreibt, macht den Text als Vorlage für eine Dramatisierung hochaktuell. Die Zeitspanne, die UNION DER FESTEN HAND umreisst, beginnt mit der Abdankung des deutschen Kaisers: Das fehlende Staatsoberhaupt und die Nachkriegswirren lassen die seit dem 19. Jahrhundert schwelenden antagonistischen Kräfte zwischen Industrie und Arbeiterschaft 1918 vehement hervorbrechen. Im kommenden Jahrzehnt, den 1920er Jahren, werden dann - in der Industrie, nicht in der Politik! - die Arbeits- und Machtstrukturen geschaffen, die unsere Gesellschaft bis heute bestimmen.
Eines der Anliegen der Dramatisierung war es, die komplexen Nebenhandlungen des Romans zugunsten mehrerer Kernauseinandersetzungen zu bündeln: erstens dem Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zweitens dem Generationenkonflikt zwischen dem alten feudalen Firmenpatriarchen und dem modernen Konzernchef und drittens dem Konflikt innerhalb der Arbeiterschaft, deren politische Orientierung in den ausgehenden zwanziger Jahren stark divergiert.
Daneben werden die sozial- und wirtschaftspolitischen Konflikte, die im Theaterstück UNION DER FESTEN HAND ausgetragen werden, von der kommenden Machtübernahme des Nationalsozialismus überschattet. Regers Roman dokumentiert zum einen die Bereitschaft der Schwerindustrie, den Nazis zuzuarbeiten. Der Roman zeigt auch, wie die Maßnahmen seitens der Industrie zur Entpolitisierung der Arbeiterschaft den Nationalsozialisten einen fruchtbaren Nährboden für ihre Ideologie bereiten.
Zweieinhalb Jahre lang dauerte es, den 500-Seiten-Roman in drei Arbeitsschritten in ein 67-Seiten umfassendes Theaterstück umzuschreiben. Dabei wurde die Anzahl der im Roman auftretenden Figuren von ca. 400 auf jetzt 24 dezimiert. Stephan Stroux hat sich gegen eine streng chronologische Nacherzählung des Romans entschieden und dramatische Lösungen für die Szenenabfolge auf der Bühne zu finden versucht. Die im Ernst Bloch Erben Verlag erschienene Dramatisierung stellt eine Verdichtung der Romanvorlage dar, die die Romanhandlung auf die Gegenwart hin perspektiviert.

Die Inszenierung(en)
Bei der Inszenierung UNION DER FESTEN HAND sollen der Text und das szenische Spiel, Musik und Tanz, Feuer- und Lichteffekte in den jeweiligen Industrieraum hineingetragen werden. Der Zuschauer wandert dabei mit der Aufführung mit. Die Inszenierung wird geprägt von der Ambivalenz der Eindrücke - der Intimität der schauspielerischen Vorgänge steht die Gewalt der Architektur gegenüber. Mit neun Schauspielern werden die Geschichten von mehr als 24 Figuren erzählt. Dazu wechseln die Darsteller zwischen verschiedenen Rollen, die jeweils inhaltlich kontrastierend aufeinander bezogen sind: gerade noch Betriebsrat, jetzt Konzernchef, gerade noch Arbeiterfrau, jetzt Gattin eines Industriemagnaten.
Parallel zu den Textszenen werden mit Hilfe von Musik, Licht, Feuer, Tanz, Film etc. Bilder- und Klangwelten geschaffen, die den Zuschauern zusätzliche Assoziationen ermöglichen. Ein Tanz greift z.B. die Härte der Arbeitsorte auf und reflektiert die Auswirkungen der industriellen Revolution auf die Bewegungsabläufe der Arbeitenden. Installationen mit Feuer spiegeln die Arbeitsabläufe zwischen Eisenschmelze und Hochofen wider, verschiedene Etappen der Evolutionsgeschichte der Menschheit leuchten blitzartig auf; der Klang der Maschinen wird mit Instrumenten, die aus vor Ort gefundenen Materialien entwickelt wurden, nachempfunden. Eine die Aufführungen mit unterschiedlichen Musikstilen des 20. Jahrhunderts begleitende Musikcombo wird die szenischen Darstellungen untermalen, verdoppeln, konterkarieren und emotional an die Gegenwart anbinden.
Entscheidend für die integrale Gesamtkomposition des Projektes ist die entsprechende Adaption der Inszenierung an die jeweilige Umgebung. Jeder Ort hat seine eigene Inszenierung; der Einsatz der Mittel richtet sich nach der architektonischen Struktur und den ehemaligen Arbeitsprozessen der Spielorte.


Spielorte

Die Spielorte des Theaterprojektes UNION DER FESTEN HAND sind ebenso konkrete wie typische Stätten der industriellen Entwicklung, in gewisser Weise deren 'Originalschauplätze'. Die Orte stehen zudem in einem inneren Zusammenhang, denn sie weisen den Weg der Montan- und Schwerindustrie von der Gewinnung der Grundstoffe bis zu den Endprodukten.

Berlin: Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Warschauer Strasse
Mit der Eisenbahn, dem zentralen Motor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, wird der Bogen gespannt von der modernen schwerindustriellen Fertigung von Eisen und Stahl zu ihrem (neben der Rüstungsindustrie!) wichtigsten Endprodukt: Schiene, Räder, Achsen. Die Revolutionierung der Verkehrsverhältnisse hatte aber auch militärstrategische Bedeutung; und in der Weimarer Republik wurde die Eisenbahn als staatlicher Großbetrieb eine wichtiges 'Pfand' der Siegermächte für die Reparationsleistungen, die Deutschland aufbringen musste. Vertreter der Alliierten besetzen gemeinsam mit den in der UNION DER FESTEN HAND geschilderten 'Herren der Industrie' die Leitungs- und Kontrollgremien.
Das RAW, im Ostteil der deutschen Hauptstadt gelegen, besteht seit 1867 an diesem Ort; es wurde - bis auf die fortbestehende Nachtwartung von IC-Zügen - erst nach dem Zusammenbruch der DDR in den 90er Jahren stillgelegt. Heute ist es eine Industrieruine, die zeitweise als Filmkulisse vermietet wird und zukünftig in eine Mischnutzung von Wohnen, Arbeit und Kultur umgewandelt werden soll.

Goslar, Niedersachsen: Weltkulturerbe Rammelsberg
Über 3000 Jahre Bergbau am Rammelsberg haben einer ganzen Region ihren unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Die Metalle, erschmolzen aus den Erzen des Berges, schufen Wohlstand: Sie waren Grundlage und Motor zahlreicher Industrien. Im Mittelalter zog es Könige und Kaiser zu den Bodenschätzen am nördlichen Harzrand. Sie residierten in der Kaiserpfalz am Fuße des Rammelsberges. In ihrer Nachbarschaft wuchs Goslar zur mächtigen Reichsstadt heran, mit prächtigen Bürgerhäusern und Kirchen, die noch heute das Stadtbild prägen. Auch die Hohenzollern zog es nach Goslar. Vor der Pfalz ließen sie die Standbilder Barbarossas und Wilhelms I. errichten als Sinnbild vermeintlicher Kontinuität und in Erinnerung an alte Kaiserherrlichkeit. Die Herrlichkeit der Hohenzollern fand mit dem Ersten Weltkrieg ihr Ende - der historische Ausgangspunkt des Theaterstückes Union der festen Hand. Der Rammelsberg war als schwerindustrieller Betrieb kriegswichtig gewesen, und so sahen ihn auch die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Autarkiepolitik: Am Hang des Berges ließen sie eine der modernsten Erzaufbereitungsanlagen ihrer Zeit errichten - entworfen von den Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, auf deren Reißbrettern auch die Pläne für die Zeche und Kokerei Zollverein entstanden. Der Rammelsberg ist seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit, mit ihm die wesentlich vom Bergbau geprägte Altstadt Goslar - kein Ort mehr für Großmachtträume, sondern als außer-gewöhnliches und modernes Museum ein Ort mit Zukunftsvisionen und ein authentischer Ort für die Vermittlung von Kultur: einer Kultur der Arbeit.


Bergwerk Göttelborn, Saarland
Das ehemalige Bergwerk Göttelborn ist ein eindrucksvolles Zeugnis der jüngsten Bauepoche der Industriearchitektur. Der weiße, futuristisch anmutende Förderturm IV sticht als Landmarke hervor und ist ein prägendes Wahrzeichen des Ortes und des Saarkohlewaldes. Am Standort Göttelborn wurde seit 1887 Kohle gefödert. 1972 gehörte Göttelborn - was die technische Ausrüstung und Förderleistung betraf - zur Spitzengruppe des deutschen Bergbaus. Die letzte Förderung fand im September 2000 statt, Ende 2000 wurde das Bergwerk stillgelegt.

Essen, NRW: Weltkulturerbe Zollverein
Der Standort Essen nimmt in dieser Produktionskette eine besondere Rolle ein: Zum einen ist die Stadt im Herzen des Ruhrgebiets der Heimatstandort der Firma Krupp und der Hauptschauplatz des Romans UNION DER FESTEN HAND. Andererseits wurde Essen im Laufe der letzten hundert Jahre oft zum Austragungsort von Arbeitskämpfen und Streiks in der Montanindustrie und damit auch überregional zum Symbol für den Widerstand der modernen Arbeiterbewegung gegen die Herren aus Politik und Wirtschaft. In der Zeche Zollverein wurde die Kohle gefödert, die dann in der Kokerei Zollverein zu Koks verarbeitet wurde. Koks wiederum dient als Brennstoff für die Umwandlung von Eisen zu Stahl, dem Ausgangsprodukt für die schwerindustrielle Fertigung von Lokomotiven, Eisenbahnschienen und -waggons, von Schiffen und Automobilen, aber auch von Panzern und Kanonen.
Die Kokerei Zollverein ist im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher-Park zum musealen Kulturzentrum entwickelt und im Dezember 2001 ebenfalls zum "Weltkulturerbe der Menschheit" erklärt worden.

Plessa, Brandenburg: Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa
Im Brandenburgischen Braunkohle-Tagebaugebiet gelegen spannt Plessa den Bogen von der modernen Industrienation Anfang des 20. Jahrhunderts zur Informationsgesellschaft des beginnenden 3. Jahrtausends. In Plessa wurde aus der in der Braunkohle eingeschlossenen Energie Elektrizität erzeugt, der "Grundstoff" der postindustriellen Gesellschaft. Heute bilden elektrischer Strom und elektronische Prozesse die "materielle" Basis für die Maschinen und Apparate des Informationszeitalter.
Plessa ist mittlerweile - wie die anderen Spielorte auch - Opfer der wirtschaftlichen Entwicklung des späten 20. Jahrhunderts geworden; das Braunkohlekraftwerk wurde Anfang der 90er Jahre geschlossen. Die Bemühungen um die kulturelle Umnutzung des Kraftwerk-Komplexes als Industriedenkmal und Industriemuseum im Rahmen der IBA Fürst-Pückler-Land sind mittlerweile aber so weit gediehen, dass hier eine postindustrielle Perspektive sichtbar wird.

Begleitprogramm

"Der Gott, der Eisen wachsen ließ, wollte keine Knechte!"

Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veranstaltet unter dem Titel "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, wollte keine Knechte!" das Beiprogramm zum Theaterprojekt UNION DER FESTEN HAND von Stephan Stroux. Es umfasst Filmvorführungen, theaterpädagogische Darbietungen für Schüler, Podiumsdiskussionen und Klangperformances und soll versuchen, die Inhalte des Stückes in einen erweiterten Kontext zu setzen.

Termine Berlin

"Krieg ist die Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln" - eine Podiumsdiskussion
Mit Prof. Dr. Schnell, Generalleutnant a.D.; Dr. Hermann Scheer, MdB/ SPD, Präsident von Eurosolar; Dr. Peter Gauweiler, MdB/ CSU, Rechtsanwalt (angefragt); Moderation: Mathias Greffrath
22. April 2003, 19.30 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Filmreihe zu UNION DER FESTEN HAND
Filmprogramm und Ort finden Sie unter www.bpb.de

"Arbeit unter Feuer" - eine Klangperformance in den Trümmern der Schwerindustrie Unter Mitwirkung von Musiker/innen und Schauspieler/innen aus dem Projekt UNION DER FESTEN HAND
6. Mai 2003, 21 Uhr, Reichsbahnausbesserungswerk RAW, Revalerstraße, 10245 Berlin-Friedrichshain

"Trümmerkunde - ein Spiel mit der Zukunft"
Projekttag (geschlossene Veranstaltung) mit Schüler/innen der Kurt-Schwitters-Oberschule Berlin-Prenzlauer Berg auf dem RAW-Gelände am 30. April 2003.
Ensemble
Regie / Künstlerische Leitung Stephan Stroux
Dramaturgische Mitarbeit / Textfassung Daniel Fiedler, Henning Fülle
Dramaturgie Henning Fülle
Bühnenbild und Lichtdesign Jo Schramm
Kostüme Meentje Nielsen
Musik Jan Tilman Schade
Choreographie Elena Alonso
Industrieskulptur und Industriemusik Bastiaan Maris
Feuerkunst Kain Karawahn
Performance / Installation Krzystof Zarebski
Musiker Jan Tilman Schade,
Vladimir Milar
und die Gruppe BANDO
Regieassistenz Anne Arnz

Wissenschaftliche Mitarbeit / Recherche RAW Berlin Dirk Müller
Wissenschaftliche Mitarbeit/ Recherche Essen Gerald Theobalt
Erscheinungsbild / graphische Gestaltung Holger Matthies
Fotografie Sibylle Bergemann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Astrid Herbold

Mit
Kaiser / Hillgruber u.a. Götz Schulte
Ottokar Wirtz u.a. Hans-Jörg Frey
Freiherr Risch-Zander u.a. Christian Dieterle
Frau Ella, seine Schwiegermutter u.a. Susanna Kraus
Wallkowiak /Jodoci / Nässler Rüdiger Klink
Hachenpoot / Hiebenstein Matthias Lühn
Adam Griguszies Pawe³ Okraska
Paula Griguszies u.a. Magdalena Walach
Alma Kalinna u.a. Serena Gruß

Kurzbiografien

Stephan Stroux, Regisseur/Produzent, nach Jahren der Inszenierungen an deutschen Staats- und Stadttheatern seit 1985 zahlreiche Regiearbeiten im Ausland, u.a. Holland, Portugal, Namibia, Kanada, Brasilien und Chile. 1985/86 Uraufführung "Quai Quest" von Jean Marie Koltes in Amsterdam, 1995 am Berliner Ensemble und beim Weimar Kunstfest: "Erobert die Seele der Nation" - Szenische Lesung der Rede von Reichsminister Dr. Joseph Goebbels vom 8. Mai 1933 vor den versammelten deutschen Theaterleitern. Teilnahme an den Kulturstadt Europa Festivals 1988 in Berlin, 1994 in Lissabon, 1999 in Weimar. 1998-2000 "Quem come quem" /"Wer Frisst Wen" - interkontinentales Theaterprojekt über die Folgen von Kolonisation mit Schauspielern, Musikern und Tänzern aus sieben verschiedenen Ländern Afrikas, Südamerikas und Europas. Premiere und Aufführungen auf verschiedenen Festivals in Portugal. Seit 1998 Arbeit an UNION DER FESTEN HAND.

Henning Fülle, Dramaturg, geb. 1951, seit 1975 politische Bildungsarbeit, seit 1990 freier Autor und Dramaturg, vielfältige Beratungstätigkeiten für politische und kulturelle Organisationen, 1999-2000 Kurator des Theaterprogramms "Z2000 - Positionen junger Kunst und Kultur", 1997-2001 Dramaturgentätigkeit für Kampnagel Hamburg.

Jo Schramm, Szenograf und Lichtdesigner, geb. 1974, Studium an der Kunstakademie Stuttgart und der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, seit 1992 freier Lichtdesigner. Zahlreiche Lichtinstallationen, Lichtdesign und Szenographie für Christoph Schlingensief und Stefan Pucher. Theaterarbeiten u.a. am Staatstheater Stuttgart, Metropoltheater München, Rheinstahlhalle Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Volksbühne Berlin.

Kain Karawahn, Performance-Künstler, seit 1983 Beschäftigung mit Feuer in unterschiedlichen Ausdrucksformen, Erstellung von Brandsätzen, Feuerporträts, Installationen im In- und Ausland, 1992 Feuer- und Videoperformances auf der documenta IX, Feuer-Inszenierungen u.a. an der Volksbühne und am Schauspielhaus Bochum.

Jan Tilman Schade, Musiker, geb. 1963, Studium an der HdK Berlin, musikalische Zusammenarbeit mit zahlreichen Bands, u.a. mit "Einstürzende Neubauten". Komposition von über fünfzig Bühnenmusiken, zahlreiche Fernseh- und Filmmusik-Kompositionen. Filmmusikpreis des Filmfestivals Rom R.i.F.F. und des Filmfestivals Bordeaux.

Holger Matthies, Grafikdesigner, geb. 1940, seit 1966 Arbeit als freier Grafikdesigner, zahlreiche Lehraufträge und Workshops u.a. an der Fachhochschule für Gestaltung Hamburg, der École des Beaux Arts Paris, in Rio de Janeiro, Madrid, Singapore. Seit 1994 Professor für Visuelle Kommunikation an der HdK Berlin. Vielfältige Auszeichnungen, Ausstellungen und Bildbände.

Christian Dieterle, Schauspieler, geb. 1959, Studium an der Folkwang-Hochschule Essen, Engagements u.a. am Theater Essen, Neuss, Castrop-Rauxel, Wilhelmshaven. 1987-1997 Ensemblemitglied der Bremer Shakespeare Company.

Hans-Jörg Frey, geb. 1952, Engagements u.a. am Schauspielhaus Hamburg, Theater Basel, Thalia Theater Hamburg, Zusammenarbeit mit Peter Zadek, Luc Bondy, Jürgen Flimm, daneben auch zahlreiche Fernsehrollen.

Götz Schulte, Schauspieler, Engagements am Staatstheater Schwerin, den städtischen Bühnen Chemnitz und am Berliner Ensemble. Zusammenarbeit u.a. mit Peter Zadek, George Tabori, Einar Schleef und Claus Peymann.

Susanna Kraus, Schauspielerin, geb. 1957, Schauspielausbildung an der Otto-Falkenberg-Schule München, Engagements u.a. am Schauspielhaus Bochum, Schillertheater Berlin, Schauspiel Köln, Schauspielhaus Frankfurt, Kammerspiele München; Zusammenarbeit mit Benno Besson, Dimiter Gotscheff, Andrea Breth, Wilfried Minks, Manfred Karge u.a., Film und Fernsehen.

Rüdiger Klink, Schauspieler, geb. 1971, Ausbildung an der Bayrischen Theaterakademie München, Engagements u.a. am Akademietheater München und am Berliner Grips-Theater. Zahlreiche TV- und Kinorollen u.a. in "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (2000), "Mondscheintarif" (2000), "Trenk - Zwei Herzen gegen die Krone" (2002).

Matthias Lühn, Schauspieler, geb. 1970, Studium am Max-Reinhardt-Seminar Wien, Theaterengagements am Burgtheater Wien, bei den Bregenzer Festspielen, am Schauspiel Frankfurt u.a.

Pawe³ Okraska, Schauspieler, geb. 1975, Studium an der Staatshochschule Krakau, seit 2000 zahlreiche Theaterengagements, TV und Film. Zuletzt die Hauptrolle in dem Film "Supplement" von Krysztof Zanussi.

Magdalena Walach, Schauspielerin, geb. 1976, Studium an der Staatshochschule Krakau, seit 1999 zahlreiche Theaterengagements, TV und Film.

Serena Gruß, Schauspielerin, geb. 1973, Studium an der HdK Berlin, Engagements in Berlin und am Staatsschauspiel Cottbus.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Astrid Herbold
Schröderstr. 11
10115 Berlin
Tel. 030/23 45 79 79
astrid.herbold@t-online.de

Produktion
Mediapool
Temeplhofer Ufer 17
10963 Berlin
Tel. 030/23 63 62 0




UNION DER FESTEN HAND - Pressestimmen

Es ist das ambitionierteste freie Theaterprojekt des Sommers: Mit seiner Dramatisierung von Erik Regers Industrieroman UNION DER FESTEN HAND zieht Regisseur Stephan Stroux durch Ruinen des Industriezeitalters. (...) Keine fertige Inszenierung schickt Stroux auf die Reise, sondern eine kühne Idee, die in den sehr verschiedenen Räumlichkeiten ihre endgültige Gestalt erst noch finden muss. (...) Mit geringfügigen Eingriffen in die vorgefundenen Räume gelingen dem Bühnenbildner und Lichtdesigner Jo Schramm großartige Szenarien, die von den Schauspielern mit großer Lust an den ungewohnten Dimensionen ausgemessen werden.
Stuttgarter Zeitung, 23. Mai 2003

Bei der UNION DER FESTEN HAND schlendern etwa 200 Zuschauer nächtens hinter einigen Musikern her – von einer Werkstatt zur anderen, wo jedes Mal die nächste Szene wartet, die es an Minimalismus mit den ausgeweideten Arbeitsräumen aufnehmen kann. Dafür strotzen die Dialoge vor kritischer Politökonomie, großer Politik und kleinem Glück. Bei den letzten Außenszenen steigt wahrer Bodennebel auf.
Frankfurter Rundschau, 28. Mai 2003

Im RAW schienen die Krupps und die Hugenbergs ganz wie zu Haus in besten Zeiten. Die Gegenwart fuhr einem allenfalls in Gestalt der eisigen Nachtkälte in die Knochen, so perfekt verwandelten die starken Schauspieler und einfallsreich arrangierten Bilder den trüben Industriefriedhof in die geschäftigen Kruppschen Stahlwerke. (...) Die Leistung von Stroux besteht darin, dass er diesen schematischen Machtzügen und ihren Folgen Gesichter verleiht, dass er zeigt, wie zynische Machtstrategen auf hufscharrende Arbeiter treffen. Auf diese Weise schafft er es, dass sich das riesige Ruinengelände mit den feuchten Mauern, Galerien, Hallen, Verschlägen und zerworfenen Scheiben mit Leben erfüllt. Nicht die widerspenstigen Räume haben die Schauspieler in der Gewalt, sondern umgekehrt. (...) Stephan Stroux ist eine dichte, sehenswerte Theaterreise durch die Industrie-Vergangenheit gelungen.
Berliner Zeitung, 21. Mai 2003

Eindringlich schöne Tableaus in halbverfallenen Hallen - die Reise macht einen nach wie vor aktuellen gesellschaftlichen Kampf körperlich spürbar.
Zitty Illustrierte Stadtzeitung Berlin, 28. Mai 2003

Und was für eine Rede, halb an Krupp, halb an die Arbeiterschaft dieser Kaiser (Götz Schulte) nun hält! So lange einer redet, hat er grundsätzlich Recht. Das ist die Grundregel des Theaterspielens, sie gilt sogar für Kaiser und Schwerindustrielle. Wie Schulte das Wort Demokratie mit einem langen, in immer höhere Höhen vorstoßenden Ekelvokal am Ende versieht. Wie er bekannt gibt, dass "Rationalisierung" nie ein deutsches Wort war und nie eins werden wird. Der Kaiser-Monolog ereignet sich in einer Säulenhalle, auf die selbst "Matrix" neidisch werden könnte in ihrer pittoresken Brutalität.
Der Tagesspiegel, 17. Mai 2003

Die zwanziger Jahre, zerrissen zwischen linken und rechten Extremen, zwischen starkem Proletariat und reaktionären Wirtschaftskapitänen, sind das Spannungsfeld der "Union der festen Hand". Die Maschinen der Erzverarbeitungsanlage, all diese tonnenschweren gusseisernen Ungetüme, um die herum Stephan Stroux das Stück inszeniert hat, vermitteln eine massive Atmosphäre von der Wucht der damaligen Kämpfe. Das Stück verschmilzt in seinen besten Momenten mit dem Ort zum Inbild der kapitalistischen Eisenzeit. (...) Zwangsläufig ist "Union der festen Hand" eine holzschnittartige Rekonstruktion der Konflikte. Diese direkt auf die heutigen, nicht minder heftigen Kämpfe zu übertragen, wäre gewiss problematisch. Aber der Vergleich lohnt - gerade jetzt, am Ende der Arbeitsgesellschaft, der industriellen Eisenzeit. Langer Beifall.
Braunschweiger Zeitung, 21. Juni 2003

Sehr komplex - und trotzdem bleibt es spannend. Das liegt zum einen an den sehr guten Schauspielern, eine große Rolle spielt aber auch die Umgebung: Die Rohre, Eisenträger oder Maschinen sind stummen Zeugen der Zeit. Sie schaffen eine eigentümliche Wirklichkeit und werden selbst zu Darstellern.
Hannoversche Zeitung, 21. Juni 2003

Ohne echte proletarische Tradition... nahm Goslar im Vergleich zu den anderen Industrieorten einen interessanten Sonderstatus ein. Regisseur Stroux fand starke Bilder für die Dramatisierung des Romans von Erik Reger: Frauen vor Turbinen, die sich wie riesige Waschmaschinen in ihren Lebensraum drängen, Industriebosse in luftiger Höhe auf verlorenem Posten. Auf einen proletarischen Familienstreit blickt der Zuschauer von oben herab und Wirtschaftsführer werden im Wäldchen von lauer Abendsonne beschienen. So entstehen archaisch-poetische Momentaufnahmen vor romantischer Harzkulisse, die gleichzeitig nationalsozialistische "Blut und Boden" - Ideologie zum Vorschein bringt...
Der Zuschauer ist ein Wanderer durch die Produktionsstätten vergangener Zeiten, hier und da werden Momente zum Leben erweckt, die längst vergessen waren.
Theater der Zeit, September 2003

Aber was heißt hier schon Theaterstück? Stroux macht aus dem Roman ein furioses Stationen-Drama, in dem nicht nur von den grandiosen Schauspielern, sondern auch vom Zuschauer alles abverlangt wird. Stroux schleudert Personen, Kapitel, Szenen funkelnd und zischend über mehrere Schauplätze. Immer wieder wird der Beobachter "konditioniert", in die Position des Mitakteurs gezwungen, der den Kaiser erwartet, Lohnerhöhungen erkämpft oder der ersten Sitzung der "Union der festen Hand" beiwohnt. Aufmerksamkeit ist bei diesem Theatererlebnis ein eben so hohes Gut wie festes Rückrat und Schuhwerk (...) Das Theater über die Versuche der Arbeiterklasse, sich zur schlagkräftigen politischen Einheit zu formieren, kommt genau zur richtigen Zeit. Vielleicht schauen es sich der Bundeskanzler Schröder und der DGB-Vorsitzende Sommer ja mal gemeinsam an.
Saarbrücker Zeitung, 17. Mai 2003

Inzwischen ist Industriekultur ein Marketinginstrument der Kulturveranstalter und Tourismusbüros: Jedermann auf der Halde, Opern und Sinfonien in der Gebläsehalle - Ausdruckstanz zwischen Hochöfen, Neuntoner im Gasometer. Sentimental wird der 'Schichtwechsel' als kulturelle Wende erklärt, wird der Strukturwandel mangels Alternativen theatralisch verklärt. Inzwischen hat sich die 'Location'-Vermarktung so professionalisiert, dass raue Maloche-Architektur und eiserne Maschinenparks in bürgerliche Spielstätten verwandelt werden. (...) Theater im Industrieraum geht auch anders, einfacher, direkter, näher dran am historischen Ort. Das will Stephan Stroux mit seiner Produktion "Union der festen Hand".
Süddeutsche Zeitung, 3. Juli 2003

In Kooperation mit drei weiteren Stätten der Industriekultur zeigte Schichtwechsel eine Theaterfassung von Erik Regers "Union der festen Hand" von 1931, ein mit Quellenmaterial bestens unterfüttertes Psychogramm des Kapitalismus deutscher Prägung. Regisseur Stephan Stroux hat Regers 500-Seiter radikal ausgedünnt und zum Stationendrama herunterdekliniert. In Göttelborn wird daraus eine mit Revue-Elementen durchsetzte Szenenfolge, die mit einigem Geschick den Aufstieg und Fall der Arbeiterbewegung mit den ausgeklügelten Überlebens- und Gewinnmaximierungs-Strategien des Großkapitels verschränkt. (...) Es gehört zu den Vorzügen der Inszenierung, dass sie darauf verzichtet, die Vorlage krampfhaft auf modern zu frisieren. Sie vertraut darauf, dass sich die Analogien von selbst entfalten.
Saarbrücker Zeitung, 7. Juli 2003

Im feldgrauen Mantel marschiert ein Soldat über grasüberwucherte Bahngleise. Es ist eine Frau, die sich im bellenden Tonfall selbst Befehle gibt. Dazu spielt ein Trio flotte Marschmusik. Unten den rostigen Stahlträgern der Zeche Zollverein in Essen atmet die groteske Eröffnungsszene den Geist von Bertolt Brechts 'Ballade vom toten Soldaten'. (...) Bisher wurden entweder die Zeche Zollverein oder die benachbarte Kokerei für Theaterprojekte genutzt, erstmals wird mit der 'Union der festen Hand' ein großer Teil des gesamten Geländes bespielt. Die Szenen passen perfekt zu den jeweiligen Orten. Das überrascht, weil die Inszenierung nicht in Essen entstanden ist.
Frankfurter Rundschau, 27. Juli 2003

Vom Bergebunker der Zeche wandern die Zuschauer, begleitet von Maschinengeräuschen, Banjo-, Tuba- und Akkordeonfolklore, über Stege und Schienenstränge zur Kokerei. In ihren Gestängen und Gittern sind Industriekapitäne und Gewerkschafter platziert, um sich Machtgefechte zu bieten, und aus dem Hintergrund singt Berta Krupp ostinat "Dividende", ehe sie den bewährten Landauer pikiert dem teuflischen Automobil vorzieht. In der Löschgleishalle treten Krupp und Stinnes zum rhetorischen Showdown an, und eine Oswald-Spengler-Karikatur beklagt kulturphilosophisch den 'sittlichen Tiefstand'. Wie durch die Fenster der Augsburger Puppenkiste äugen die Proletarier durch die Koksoffenbatterien, und in dem gefluteten Becken davor wird Stinnes zu einem italienischen Trauerlied zu Grabe getragen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli 2003

Industriedenkmäler als Kunstkulisse...Neu ist die Tatsache, dass bei Stephan Stroux Theaterprojekt...zusammengespielt wird, was zusammengehört: "Union der festen Hand" erzählt ein wichtiges Kapitel der deutschen Industriegeschichte vom antidemokratischen Pakt der Großindustriellen zu Beginn der Weimarer Republik...Stephan Stroux hat Regers 500 Seiten Roman auf fünf Szenen verdichtet, die dank einer Hand voll höchst präsenter Schauspieler dialogisch und musikalisch zu einleuchtenden Bildern arrangiert werden. In chronologischer Reihenfolge zeigt Stroux zunächst die enge Liaison zwischen Monarchie, Militarismus und Industrieadel am Beispiel des kaiserlichen Waffenlieferanten Gustav Krupp von Bohlen und Halbach. Die zweite Szene konfrontiert das labile Regime am Vorabend der Revolution von 1918/19 mit den Arbeitern in Krupps Gießerei. Drei weitere Szenen fragen nach dem Erfolg dieser Revolution: Während sich die alten Machtcliquen in unheiliger Allianz mit den neuen Volksideologen formieren, wird die "Arbeiterklasse" zwischen Richtungskämpfen und Kleinbürgerträumen aufgerieben.
Man mag darüber streiten, wieweit sich die Verhältnisse der Weimarer Zeit auf die heutige Post-Montangesellschaft übertragen lassen. Unbedingt überzeugend aber ist die Verknüpfung der alten Industrieanlagen mit ihrer eigenen Geschichte: Sie sind hier nicht gefällige "Location" für die Enkel der Malocher, sondern eigenwillige Akteure, die zumal nach Einbruch der Dunkelheit jede billige Industrieromantik zum Teufel jagen.
Westfälische Rundschau 29. Juli 2003

Wut des Proletariats in Szene gesetzt
Das Deutsche Reich in den Zwanzigern: Die Wut des Proletariats prallt auf das reaktionäre Denken der Wirtschaftsmagnate. Krupp, Stinnes, Flick - einzelne lenken viele. Ein Kampf, den der Regisseur Stephan Stroux mit "Union der festen Hand" auf Zeche und Kokerei Zollverein bestens platziert hat...Als Pressesprecher bei Krupp befand sich Hermann Dannenberger in den 20er Jahren am Puls der Zeit. Der spätere Gründer des "Tagesspiegels" schuf der Ruhrwirtschaft unter dem Pseudonym Erik Reger 1931 mit "Union der festen Hand" ein 500seitiges Zeitzeugnis, das die Jahre 1918 bis 1930 eindrucksvoll schildert...Stroux hebt sie/ die Decknamen/ wieder auf, nennt die Fakten beim Namen, reduziert den Roman zum Stationendrama: rebellische Arbeiter, die gegen unmenschliche soziale Bedingungen vorgehen, "Hunger" proklamieren, wenn der Kaiser Hof hält; Machtstrategen wie Krupp und Stinnes, die beim Bad im Werksschwimmbad Entscheidungen fällen. Das Ergebnis: zu dicht, um schlicht konsumiert zu werden...
Stroux versetzt seine Schauspieler an wechselnde Orte, lässt sie zwischen, auf und unter den Türmen der Zeche erscheinen, hängt sie an Seile, um die Schrägen zu bespielen, lässt sie in Stiefeln und Abendschuhen durch die mit Wasser gefüllten Becken der Kohlenwäsche stapfen...
Was die Schauspieler proklamieren - die Atmosphäre des Ortes trägt jeden Satz. Der kaiserliche Monolog (großartig: Götz Schulte) etwa bedarf keiner großen Requisiten, um der Demokratie und den Forderungen der Arbeiter eine Abfuhr zu erteilen: Die Werkshalle spricht für sich. Trommler, die Fässern jeden erdenklichen Takt abverlangen, schaffen die einzig notwendige Geräuschkulisse: die des Kriegshandwerks. Rhythmischer gearbeitet wurde bei Krupp nie.
Im polnischen Volks- wie im Herweghschen Bundeslied, im Blues wie im Schlager lässt Stroux die Ereignisse lebendig werden - und kann sich dabei zu jeder Zeit auf seine Darsteller verlassen. Liebevoll zuletzt einzelne Details....
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2003